Muslimwelt

Wissen schafft Frieden

Gescheiterte Missionarin

Posted by muslimwelt - Februar 25, 2008

von Rhonda Vander Sluis übersetzt aus dem Englischen übernommen von Islampuls.com

Eine christliche Evangelikale aus Iowa wandelte sich durch das Mitgefühl von türkischen Seelen, die sie zu retten hoffte.

„Warum haben Sie sich die Türkei ausgesucht?“

Diese Frage wurde mir oft gestellt nach meinem überschwänglichen Vortrag der Höhepunkte aus den acht Jahren, die ich dort gelebt und gearbeitet habe.
Ich zögere. Wollen sie das wirklich wissen? Oder genauer: will ich ihnen das wirklich erzählen? Soll ich mich wirklich auf die Missionierungssache einlassen? Es ist mir peinlich, es zuzugeben, aber der eigentliche Grund, warum ich in die Türkei ging, war die Missionierung von Muslimen, den „unerreichten Menschen“, wie man es in der Missionssprache zu sagen pflegt. Übergangsweise hatte ich Arbeit in Pakistan und fühlt mich dort unbehaglich angesichts der Einschränkungen, die der streng-islamische Staat mir aufgenötigt hatte. Die Türkei war moderner, leichter; man musste keine Kopfbedeckung tragen und konnte sich als ledige Frau recht frei bewegen. Und ich könnte diesen Leuten trotzdem die frohe Botschaft der Erlösung überbringen, zumindest denen, die es in den Augen meiner Missionsvorgesetzten am dringendsten benötigten.

Da missionieren in der Türkei illegal ist, musste ich einen anderen überzeugenden Grund vorweisen können, warum ich eine lukrative Krankenpflegerkarriere in den USA aufgeben wollte. „Um türkisch zu lernen“ antwortete ich fröhlich jedem, der mich fragte, und missdeutete dabei ihr höfliches Schweigen und ihren „frag-nichts-sag-nichts“-Ausdruck als stillschweigende Zustimmung zu meinem Trick. Wie sich schließlich herausstellte, machte mich meine Kleidung sowieso als religiöse Arbeitskraft kenntlich. Die einzige, die sich selbst etwas vormachte, war ich selbst.

Meine Missionsorganisation bestärkte mich darin, bei einer türkischen Familie zu wohnen, da dies eine ausgezeichnete Möglichkeit darstellte, die Kultur zusammen mit der Sprache zu lernen. Nachdem ich mir eine türkische Sprachschule besorgt hatte, fragte ich meine Kirchmitarbeiter nach einer passenden Familie für mich zu suchen. Katie, eine Missionsveteranin, war mir dabei schnell zur Hand. „Mustafa amca and Gülsüm teyze, die beiden sind das herzlichste Paar“, schwärmte Katie indem sie die türkischen Ehrenbezeichnungen für Tante und Onkel verwendete, aus Respekt für ihr Alter. „Ihr Sohn wird bald heiraten und sie möchten etwas Extrageld verdienen, indem sie einen Raum vermieten. Das wäre ein idealer Ort für dich“

Katie begleitete mich und die Frau des Missionsdirektors in die vierstöckige aufzugslose Plattenbauwohnung der Familie, wenige Minuten von Istanbuls belebten Zentrum Taksim entfernt. An der Tür wurden wir bereits von Gülsüm teyze empfangen, die ein faltenloses Gesicht hatte, anmutig war mit einem Kopftuch, das adrett unter ihrem Kinn befestigt war. Mustafa amca, der gleich hinter ihr stand, war braungebrannt und gutaussehend, mit einem auffälligen Schnurrbart. Sie führten mich zu einem Ort hinter dem stämmigen Wohnzimmertisch, an dem ich saß, eingezwängt gegen die Wand ohne Möglichkeit, zu entkommen. Die beiden Frauen, mit denen ich gekommen war, plauderten freundlich mit unseren Gastgebern. Ich verstand überhaupt nichts. Als wir gehen wollten, zeigten sie uns noch das Zimmer, in dem ich wohnen würde. Es war nicht größer als 3 mal 3 Meter, mit einer ausklappbaren Liege, die an der hinteren Wand aufgestellt war, einem runden Tisch mit einem überdimensionierten Fernseher darauf, eingequetscht zwischen Tür und Bett. Eine Kiste aus Holzfaser mit Schubladen lehnte gefährlich an der anderen Wand. Ich verbarg meine Bestürzung angesichts der Trostlosigkeit und winzigen Platzes mit einem begeisterten Nicken, und damit war der Handel besiegelt.

Zwei Tage später, während ich meine kärglichen Habseligkeiten auspackte, machte ich eine Pause, um für Gottes Segen zu beten für diesen bedeutsamen Beginn meiner missionarischen Karriere. Ich bat Gott darum, mich vor dem Einfluss des muslimischen Glaubens zu beschützen, der mir als gefährlich und vom Teufel beeinflusst eingeimpft wurde. Ich bat Gott darum, mich dazu zu benutzen, diese Familie näher zu ihm bringen durch Jesus Christus. Es war mir nie eingefallen, dass einige Mitglieder dieser Familie Gott näher standen als ich, oder dass sie der Lehre Jesu näher stünden als die meisten Christen. Die Missionarin war drauf und dran, ihr Gegenstück zu treffen. Gülsüm und Mustafa waren ein bescheidenes, hart arbeitendes Paar mit Wurzeln in einem Dorf im Süden, nördlich von Antalya. Sie hatten sich kürzlich vom Joghurt-Geschäft zurückgezogen und verwendeten nun ein gutes Stück ihrer erstaunlichen Energie, damit ich mich wohlfühlen würde. Als Amerikanerin, deren Mutter seit langem aufgehört hatte, in ihr persönliches Leben einzugreifen, war die starke Aufmerksamkeit, die mir zuteil wurde, überwältigend für mich. Plötzlich war jemand besorgt um den Zustand meiner Eierstöcke: Wenn ich nicht meine Pantoffeln anziehen würde, würden sich die empfindlichen Organe zu sehr abkühlen und ich würde meinen Lebenszweck einbüßen, nämlich den Zweck, Kinder zu bekommen. Ich wurde schnell Mitglied des Unfähig-ordentlich-den-Teller-zu-leeren-Club. Bis ich lernte, mein Bäuchlein zu hätscheln und tätscheln und nachdrücklich darauf bestand, und zwar mindestens dreimal nacheinander, dass ich bis zum Explodieren satt sei. Und es war äußerst schwierig, etwas Zeit für sich alleine zu bekommen.

Es gibt ein Wort für Privatsphäre im Türkischen, aber in dieser Hausgemeinschaft blieb es nur eine vage Vorstellung und keine praktische Realität. Leute verbrachten einfach keine Zeit hinter verschlossenen Türen, es sei denn sie schliefen oder wären tot – oder in irgendwelche Aktivitäten verwickelt, die man nicht aussprechen darf. Fünf Minuten nachdem ich zu Hause angekommen und auf meinem Bett zusammengebrochen war, hörte ich ein freundliches Taps-Taps-Taps. „Gel çay var.“ Tee ist fertig. Um kein Ärgernis zu erregen und in Anbetracht fehlender Sprachkenntisse, mein Bedürfnis nach Ruhe zu äußern, folgte ich Gülsüm teyze zum Fünf-Uhr-Tee, bzw. bes çayi, wie es bei den Türken liebevoll genannt wird.

Anfänglich war unsere Konversation auf meine unsicheren Antworten auf ihre freundlichen, einfachen Fragen beschränkt: „Was hast du heute gemacht? Wo bist du hingegangen? Was hast du erlebt?“ In Kürze hatte sie mir meine ganzes Lebensgeschichte und meiner Familie zu Hause entlockt, mein Leben als Krankenschwester, meine täglichen Arbeiten, die Namen und Marotten meiner Freunde. Sie war eine scharfsichtige Beurteilerin mit Charakter und gelassenen Autorität und ruhiger Weisheit, die ihrer dörflichen Herkunft Lügen straften. Nach und nach verlangte es mich mehr nach ihrem eigenartigen Humor und ihrer aufschlussreichen gesellschaftlichen Kommentare, genauso wie nach dem heißen duftigen Tee. Bald darauf brachte ich einige Bekannte in ihrer langen, religiösen Kleidung mit, damit sie jene treffen würden – Bekannte, die ebenfalls zufälligerweise in die Türkei gereist waren, um türkisch zu lernen. Abgesehen vom allgemeinen Bezug zur „Kirche“ waren wir darauf bedacht, keine Information über unsere wirklichen Absichten preiszugeben, und Gülsüm teyze hat nie danach gefragt. Sie hieß uns herzlich willkommen, jeden einzelnen, mit feinster türkischer Gastfreundschaft. Ich fühlte mich in einer völlig unerwarteten und wundervolen Art gepflegt und geliebt.

Die anderen Familienmitglieder waren genauso warmherzig. Der ältere Sohn Hasan wohnte treppabwärts zusammen mit seiner Frau Nazmiye und ihrer vier Jahre alten Tochter Sinem. Der jüngere Sohn Mehmet und seine neue Frau Dilek lebten treppaufwärts. Sie alle nahmen mich leicht auf in ihrem Lebensrhythmus, mit Ausnahme von Sinem, die sich in ihrer Position als Herrscher des Hauses und Zentrum der Aufmerksamkeit bedroht sah. Aber sie brauchte nicht lange, um in mir eine Spielkameradin zu entdecken, die im gleichen Haus wohnt, und bald war in meinem Zimmer noch weniger Privatsphäre als zuvor. Sie plapperte in einfachem und verständlichem Türkisch und korrigierte meine ungenaue Ausdrucksweise. Es war die ideale Art zu lernen und gab mir den Mut, auch Konversationen mit Erwachsenen in Angriff zu nehmen.

Versuchsweise nahm ich an ihren Fernsehabenden teil und sah mit ihnen zusammen rührselige türkische Filme und lärmende Satireshows, während wir dazu heißen Tee tranken. Zuerst entschuldigte ich mich höflich um 10 Uhr abends, erschöpft von meinen geistigen Anstrengungen, ein paar sinnvolle Worte aus der schwallenden Konversation herauszupflücken, die sich über mich ergoss. Nach und nach wurden meine Bettzeiten flexibler als ich anfing, mich zu entspannen und mich in der wohligen Kameradschaft einer engen türkischen Familie zu schwelgen. Ich bekam einen türkischen Namen, Rezzan, und in der Familie eine Position als hala, der Tante väterlicherseits. Ich fühte mich mehr und mehr wie zu Hause.

Aber halt, ich war doch hier, um zu missionieren. Ich konnte doch nicht die ganze Zeit herumsitzen, Tee trinken und fernsehen. Ich musste doch mein Dasein gegenüber den eifrigen Unterstützern in der fernen Heimat rechtfertigen. Wir hatten doch alle entschieden, dass diese Leute hier verloren waren; und es war meine Aufgabe, ihnen die frohe Botschaft der Erlösung zu übermitteln. Was für ein Problem, denn tatsächlich war ich es selber, die der Erlösung bedurfte.

Eines drückendheißen Augusttages gingen wir zu einem Verwandten zum mevlut, einer Dankesfeier, die 40 Tage nach der Geburt eines Kindes gehalten wird. Als Hauptattraktion, die sogar noch das Baby überragte, wurde um mich herumscharwenzelt und ich wurde von Person zu Person weitergereicht, sodass sich zweifellos jeder an meinem mangelhaftem Türkisch ergötzen konnte. Der Raum füllte sich und jeder Sitzplatz in der Ecke des Raumes war besetzt, meist mit kräftigen Hausmütterchen mit seidenen Kopftüchern und langen Allwettermänteln, die eine beliebte Bekleidung konservativer muslimischer Frauen in diesem Land darstellen.

„Otur!“ Setz dich, befahl eine der Bemäntelten. Sie zog mich herunter auf das federnde Sofakissen zwischen ihr selbst und ihrer üppig proportionierten Mutter, und reichte mir ein Kopftuch. Erst dann bemerkte ich, dass ich drauf und dran war, an einer muslimischen Gebetsveranstaltung teilzunehmen. Ich ließ meinen Blick in Panik umherstreifen und suchte nach meiner Gastgeberin. In dem Augenblick fing das arabische Gebet an.
Die beiden Frauen neben mit rieben sich ihr Gesicht mit ihren Händen und erhoben sie zu Allah und bedeuteten mir, dass ich ihnen folgen solle. Ich geriet in Panik. Ich war doch Christin. Ich kann doch nicht zu Allah beten. Oder doch? Ich wollte nicht unhöflich sein, aber ich wollte auch nicht Jesus betrügen. Sollte ich nun Stellung für Jesus beziehen? Ganz verwirrt und unbeholfen bedeckte ich meinen Kopf und versuchte, den unverständlichen Singsang der Koranrezitation abzublocken. Ich wiederholte Bibelverse leise vor mich hin und betete aufgebracht zu Gott, dass er mir für wirkliche und mögliche Überschreitungen verzeihen müge. Es erschien mir wie eine Ewigkeit, bevor die Gebete schließlich endeten und es gefüllte Traubenblätter und fade Brotstücken gereicht wurden. Ich verschanzte mich auf dem Sofa, ohne Hoffnung, der Hitze und der Demütigung zu entkommen. Ich drängelte mich durch das dichte Gewühl von Leiber und suchte verzweifelt nach einem bekannten Gesicht. Wo waren sie alle hin? Wo war meine Familie? Ich schluchzte und war absolut unfähig, meine Furcht den besorgten Gesichtern um mich herum auszudrücken. Dann kam meine Retterin Nazmiye. Wortlos ergriff sie mich und nahm mich mit zu einem kühlen, dunklen Eckchen im Haus, wo ich etwas ausruhen und mich wieder beruhigen konnte. Sie hielt alle Neugierigen und Gönner auf Abstand reichte mir einige Traubenblätter und eine Cola und lehrte mich eine freundliche Lektion über das, was Mitgefühl bedeutet.

Weitere Lektionen folgten. Alle guten christlichen Werte, von denen ich dachte, dass sie das Ergebnis von Jesu umwälzender Kraft seien, waren lebending im Leben dieser typischen türkischen Familie. Sie wirkten nicht so, als seien sie „verloren“.

Gottesdienst. Das Motto meiner Missionsorganisation war „Wir nehmen Gottesdienst ernst.“ Das hätte Mustafa amcas Motto sein können. Jeden Morgen stand er selbslos vor allen anderen auf, um im Holzofen Feuer zu machen, und er eilt zum Becker drüben an der Straße um Brot zu holen, während die Jüngere und Gesünderen noch zu müde waren. Er bestand darauf, die Rechnungen für Elektrizität und Telefon zu bezahlen und schleppte meine überdimensionierten Koffer drei Etagen aufwärts, als ich aus den Ferien zurückkam, trotz meiner Proteste. In einer Gesellschaft, in der chauvinistische Verhaltensweisen an der Tagesordnung sind, nahm Mustafa amca regelmäßig das Teekesselchen und bediente uns andere.

Verantwortung gegenüber Gottes Gaben. Nichts wurde in diesem Haushalt verschwendet. Alles, was gelegentlich ausrangiert wurde, wurde auf dem Flohmarkt verkauft, das Schlafzimmer im Obergeschoss ihres Hauses im Dorf wurde für Leute in Not bereitgehalten. Gülsüm teyze wusste, welcher der jungen Männer einen Anzug für ein Bewerbungsgespräch benötigte, welche Frau eines Bauarbeites Drillinge zur welt gebracht hatte, welcher Junge ein Spielzeugauto oder ein Paar Socken benötigte.

Gottes Fürsorge. „Gott versorgt meine Bedürfnisse, bevor ich Ihn darum bitte“ staunte sie einmal, wobei sie unbewusst einen Bibelvers aufsagte, von dem ich dachte, dass er ausschließlich christliches Hoheitsgebiet sei. „Gerade letzte Woche benötigte ich einen Vorleger für den Platz vor der Waschmaschine, und diese Woche hat deine Freundin Ruth mir einen in idealer Größe geschenkt.“ Ich erinnere mich an meine Überraschung darüber, dass ein Muslim Gott um weltliche Dinge bittet, ganz in der Art wie wir Christen dies tun.

Gerechtigkeit. Gülsüm teyze erzählte mir die Geschichte über ihre Aushilfskraft, die nach langjähriger gewissenhafter Arbeit mit ihrer Buttermaschine getürmt war, was die Familie dazu zwang, das Joghurt-Geschäft, das sie 30 Jahre lang betrieben hatten, einzustellen. Hassan war wütend und verlangte nach Vergeltung. Gülsüm und Mustafa entschieden, diese Angelegenheit in Gottes Hände zu geben. Ein bekannter Bibelvers kam mir in den Sinn: „Die Rache ist mein, spricht der Herr. Ich will vergelten.“ Tatsächlich tauchte der Mann Jahre später wieder an ihrer Haustür auf, ruiniert und um Vergebung bittend. „Du hast gegen Gott gesündigt“ sagten sie, „Geh und bitte Gott um Vergebung.“

Geduld und Freundlichkeit. Eine Sprache zu lernen ist eine demütigende Erfahrung. Es ist auch ein mühsamer, langwieriger Prozess für die Leute, die einem dabei zuhören. Die Versuchung, sich darüber lustig zu machen, kann unwiderstehlich sein. Meine Familie machte Überstunden und vermittelte unaufdringlich für mich bei den Verwandten, und erklärte ihnen die Bedeutung meiner Halbsätze und meiner falschen Aussprache. Ich fühlte mich wie ein autistisches Kind mit einer „besonderen Sprache“, die nur die engen Familienmitglieder verstehen konnten. Aber sie haben mich nie ausgelacht.

Schließlich wurde mein Türkisch doch besser und wir waren in der Lage über tiefere und wichtigere Dinge zu sprechen. Eines Nachts, zwischen weiteren Schlücken von weiterem heißem Tee, warf Nazmiye die Frage auf: „Was meint ihr eigentlich damit, wenn ihr sagt, Jesus sei der Sohn Gottes?“ Da war sie nun, meine Gelegenheit! Missionare leben für genau solche Fragen. In meinem Kopf besann ich mich auf die Hauptaspekte meines treuen „Vier-spirituelle-Gesetze“ Büchleins, der Kurzanleitung zur Rettung für Missionare: „Gott liebt dich, Gott hat einen Plan für dein Leben. Wir haben alle gesündigt…“. Doch nein, es gibt keine Buchantworten auf solche Fragen, die wir nun diskutierten. Wir gehörten beide zu den Suchenden um die Geheimnisse des Universums zu ergründen. Ich rang um die richtigen Worte in türkisch, oder in jeder beliebigen Sprache, um das Dogma der Trinität zu erklären. Nazmiye war eifrig dabei, mir zu helfen. „Hat Gott eine Mutter, die eine Jungfrau ist?“ fragte sie, „also, ist er halb Mensch und halb Gott?“ Ihre Augen weiteten sich und sie hob skeptisch eine Augenbraue auf meine Erklärung. „Ganz Gott, ganz Mensch? Wie kann das denn sein?“ Sie betrachtete mich spöttisch. Ich zuckte hilflos mit den Achseln. Dogmen wie dieses machten anscheinend mehr Sinn in den Kirchenbänken meine Jugendzeit, als in einem Istanbuler Wohnzimmer.

Nazmiye und ich hatten noch andere Gespräche. Über das Gebet. Über religiöse Frömmigkeit und zügellose Heuchlerei in fundamentalistischen Sekten unserer jeweiligen Glaubenstraditionen. Über das Paradies und das Höllenfeuer. „Christen glauben, das alle Muslime ins Höllenfeuer kommen und Muslime glauben, dass alle Christen ins Höllenfeuer kommen“ bemerkte Nazmiye ironisch. Dies war der Wendepunkt für uns beide, da keiner von uns gewillt war, den anderen als der ewigen Verdammnis ausgeliefert zu sehen, so wie es die Lehrsätze der jeweiligen Religion verlangten. Erste Risse zeigten sich in meiner wasserdichten Glaubensordnung und ich stand einer Muslima von Angesicht zu Angesicht gegenüber, die alles andere als „gefährlich“ und „böse“ war. Wir waren Gefährtinnen in einem heiligen Unternehmen, die die Reichweite unseres Verständnisses erforschten und die ehrlich aussprachen, was sie wirklich glaubten wobei wir aber genügend Platz ließen für die Mysterien, in denen wir uns nicht so gut auskannten.

Im gleichen Maß, wie sich meine Weltsicht und mein Verständnis der Bedeutung der Spiritualität erweiterte, schnürte sich mein Leben als Missionarin zunehmend ein und war, um es mit einem Wort auszudrücken, erschöpfend. Der Sonntag war alles andere als ein Tag der Ruhe, er war voll bis zum Rand mit Gottesdiensten, nachkirchlichen Pflichten bei Tee und Kuchen, verschiedenen Kommittees und sozialen Verpflichtungen. Außerdem hatte ich noch einen Job als Krankenschwester im amerikanischen Konsulat, aber meine freien Tag waren nicht für mich. Sie waren dem „Predigtamt“ gewidmet, einer beschönigenden Beschreibung für „pass auf alle auf, außer auf dich selbst“. Je mehr sich mein Erfahrungsschatz bezüglich Sprache und Kultur vermehrten, um so mehr erhöhten sich meine Verpflichtungen. „Du macht zu viel“, sagte meine Familie, „komm nach Hause und ruhe dich aus.“ – „Kannst du nicht noch eine Sache machen?“ verlangte die Kirche, „wir finden sonst keinen, der die Verpflegung bei der Frühlingsmesse organisiert.“

Ich hatte die Nase voll davon, ein Doppelleben zu führen. Vorher fühlte ich mich als Missionarin, die als normaler Bürger verkleidet war. Jetzt fühlte ich mich dagegen als normaler Bürger, der sich als Missionar verkleidet. Auch wenn ich viel Liebe und Respekt für meine missionarischen Landsleute empfand, teilte ich nicht mehr ihren Eifer, die sogenannten Heiden zu konvertieren. Die Türken, die ich in meinem neuen Familienkreis kennengelernt hatte, hatten eine lebhafte Spiritualität, die ihrem täglichen Leben einen Sinn gab, und dienten mir als Vorbild. Der Gott, den ich nun kennengelernt hatte, war zu groß für die fundamentalistischen Schubladen, in die Ihn die christlichen Fundamentalisten stecken wollten. Ich fühlte mich nicht mehr sicher bezüglich dessen, was ich glauben sollte und war es überdrüssig, mir wie eine Heuchlerin vorkommen zu müssen.

Die wachsende Krise meine Rechtschaffenheit, erschwert durch eine unmöglich zu tragende Arbeitslast, mündeten in eine mentale Kernschmelze. Es passierte eines Morgens in der Kirche. Erschöpft durch den nächtlichen Gottesdienst für einen Nachbarn, der an Krebs gestorben war, setzte ich mich matt auf eine Kirchenbank nach der Frühschicht, in ich der einem eben angekommenen missionarischem Pärchen Hepatitis B-Impfungen verabreichte. Ein bedrängtes Kirchenmitglied kam rennend zu mir mit einem Heftchen in der Hand: „Rhonda, es ist Zeit für die Frühlingsmesse!“ Das nächste, an das ich mich erinnern kann, war, dass ich in Tränen aus dem Gebäude stolperte und zu einem Ort floh, von dem ich wusste, dass ich Ruhe, Behaglichkeit und vorbehaltlose Liebe finden würde. Mich verlangte es danach, mit Leuten zusammen zu sein, die mich für das lieben, das ich bin und nicht für das, was ich für sie tun könnte. Die Familie.

In der Woche nahm mich meine türkische Familie fort zu ihrem Bergdörfchen für die langersehnte Ruhepause. Ich bummelte auf dem Sofa herum, schläfrig von der Ofenhitze, mein Bäuchlein voll von Gülsüm teyzes erstklassigen Auberginen-Kebap. Mustafa amca sorgte aufmerksam für mich, indem er meine Teekanne füllte und sicherstellte, dass die Plätzchen in meiner Reichweite waren. Ich starrte aus dem Fenster in den wirbelnden Schnee und dachte über meine Zukunft nach. Ich wollte die Türkei nicht verlassen. Ich wollte diese Familie nicht verlassen. Aber die würgenden Anforderungen meines Lebens in Istanbul und meine wachsende Abneigung gegenüber dem missionarischen Leben verlangten ihren geistigen und körperlichen Tribut. Ich schwor, meine Gewohnheiten zu ändern. Ich würde mehr von meiner Verantwortung an andere übertragen. Ich würde das Notwendige dazu tun, um hier bleiben zu können.

Aber es sollte anders kommen. Als ich zurück nach Istanbul kam, bekam ich eine ernsthafte Bronchitis, die mich fast ins Krankenhaus brachte. Als ich die Nachricht der Krebsdiagnose meiner Mutter erfuhr, wusste ich, dass es zwecklos war, weiterzukämpfen. Gott betonte mit Nachdruck: mein schlecht funktionierende christlicher Dienst in der Türkei war vorbei. Ärger, Verwirrung, Traurigkeit, Erleichterung – ein Sturm von Emotionen türmte sich in meinem Gedächtnis auf, wenn ich an diese letzten Tage in Istanbul denke, die mich auch in den nachfolgenden Monaten verfolgten, in denen ich nach einem Sinn in meinen Erfahrungen suchte.

Ich war als Jugendlicher im College der evangelikalen christlichen Bewegung beigetreten, aus dem Grund einer allgemeinen Suche nach Zugehörigkeit und Sinn. Ich war noch geistig unreif und daran gewöhnt, den Autoritäten zuzustimmen und nahm ihre Glaubensdogmen und -lehren fraglos auf. Ich schritt fort zu dem, was ich glaubte, dass es der Gipfel christlich Arbeit sei: Im Ausland missionarische Dienste zu leisten. Ich war als idealistischer Weltverbesserer mit den besten Absichten in die Türkei gekommen. Leute dazu zu drängen, ihren religiösen Glauben zu ändern war nie Teil meiner Strategie. Ich glaubte an die Kraft des gelebten Vorbildes und die Fähigkeit des Geistes Gottes, die Menschen zum besseren zu ändern. Ich hätte nie erwartet, dass die gewaltigsten persönlichen Beispiele diejenigen meiner muslimischen Freunde unmittelbar vor mir sein würden. Ich hätte nie gedacht, dass diejenige Person, die sich zum besseren ändern würde, ich selbst sein würde.

Als Missionarin war ich gescheitert. Aber ich fühlte mich nicht als Versager in den Augen Gottes. Ich hatte ein Band von gegenseitiger Liebe und Respekt mit meiner türkischen Familie geschmiedet, das sowohl kulturelle und religiöse Grenzen überstieg als auch eine enorme Sprachbarriere. Mein eigenes Verständnis von Spiritualität hatte sich radikal geändert. Dank der Türkei und insbesondere dieser türkischen Familie, gab es einen weiteren Menschen in der Welt, der die Wahrhaftigkeit vieler verschiedener Wege zu Gott feierte. Und es gab eine fundamentalistische Christin weniger, die auf einen bestimmten Weg beharrte.

RHONDA VANDER SLUIS wurde geboren in Primghar, Iowa. Sie verbrachte 10 Jahre in New York City und führe Missionsarbeiten in Haiti und Pakistan durch, bevor sie sich 1990 in die Türkei aufmachte. Nachdem sie sich 1994 besonnen hatte und aus der Kirche ausgetreten war, ging sie 1997 für vier weitere Jahre in die Türkei zurück, um dort als Ausbilderin von Krankenschwestern am „American Hospital“ und der „Koç University School of Nursing“ zu arbeiten. Sie ist Koautorin von „From the Bosporus: A Self-Guided Tour“. Gegenwärtig lebt sie in Portland, Oregon mit ihrer Partnerin Cyndi und ist Kinderkrankenschwester.

 

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Eine Antwort to “Gescheiterte Missionarin”

  1. talib said

    allahu akbar !!!!

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