Muslimwelt

Wissen schafft Frieden

Verhöhnung als Erziehung zur Demokratie

Posted by muslimwelt - Januar 24, 2008

oriana.pngOtto von Bismarck machte sich im Jahr 1870 einen diplomatischen Streit zwischen Frankreich und dem preußischen Königshaus zunutze, um einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland zu provozieren, doch ohne dass dabei Deutschland die Rolle des Aggressors zukam.

Es kam zu einem diplomatischen Austausch, der in eine Kriegserklärung seitens Frankreich mündete. Bismarck kürzte und verfälschte nämlich ein ihm zugesandtes Telegramm über die Unterredung zwischen Wilhelm I. und dem französischen Botschafter so sehr, dass jenes unverfängliche Gespräch sich plötzlich wie die brüske Abweisung einer versuchten Demütigung Preußens und seines Königs las. In Bismarcks Version klangen Frankreichs Forderungen wie ein kriegerisches Ultimatum.

Diese so genannte Emser Depesche, welche nach dem Ort der Unterredung benannt ist, wurde von Bismarck noch am selben Tag, als er sie erhielt, in der provokanten und verschärften Form in der Presse veröffentlicht. Es folgte ein Sturm der nationalen Entrüstung in Deutschland und Frankreich. In Deutschland wurde die von Bismarck veröffentlichte Kurzfassung der Emser Depesche als nationale Angelegenheit interpretiert, in Frankreich sah man darin eine Provokation. Dies veränderte zwangsläufig die nationale Stimmung in beiden Ländern.

Das Vorgehen Bismarcks war ganz klar eine Beleidigung, die Frankreich mit einer Kriegserklärung beantwortete. Bismarcks Taktik, Preußen als Opfer einer französischen Aggression darzustellen und damit auch die übrigen europäischen Mächte aus dem Krieg herauszuhalten, ging völlig auf. Der französische Kaiser Napoleon III. galt in Europas öffentlicher Meinung als vermeintlicher Friedensbrecher.

Verlässt man den so oft beschworenen Schauplatz der Geschichte und blickt man in die Gegenwart, so kann man erkennen, dass Bismarcks Kalkül immer noch recht gut zu funktionieren scheint. Zwar tobt in Europa kein Krieg zwischen Staaten, aber dafür tobt geradezu ein Provokationswettbewerb, bei dem es um die kreativste Idee geht, die Muslime so lange zu reizen, bis wieder Flaggen brennen und die Muslime als „aggressiver Haufen“ in den Medien dargestellt werden können. Dann schüttelt man voller Missmut den Kopf und kann sich dennoch nicht der Schadenfreude über den wachsenden nationalen Unmut gegenüber dem Islam entziehen.

In Europa überschlägt man sich in den letzten Jahren geradezu mit geschmacklosen Pamphleten und Aussagen, die gezielt Muslime beleidigen sollen. Man versucht die Muslime scheinbar durch Verhöhnung zur Demokratie zu erziehen.

Die inzwischen verstorbene Starjournalistin Oriana Fallaci veröffentlichte ganze Bücher, die seitenweise einzig gefüllt sind mit Schimpftiraden und Hass. In „Die Kraft der Vernunft“ schrieb sie: „Die Söhne Allahs vermehren sich wie Ratten, […] wollen den schiefen Turm von Pisa zerstören.“ Das Buch verkaufte sich allein in Italien über eine Million Mal. Fallacis Buch „Die Wut und der Stolz“, das 2002 in Italien ein Bestseller war, beschreibt ein Europa nach der so gefürchteten „Islamisierung“: „Und anstelle der Kirchenglocken ruft dann der Muezzin, anstelle der Miniröcke tragen wir den Tschador oder vielmehr die Burka, anstelle eines kleinen Cognacs trinken wir Kamelmilch. Nicht einmal das versteht ihr, nicht einmal das wollt ihr verstehen, ihr Idioten?!?“

Fallaci fasst ihre Doktrin für jeden verständlich und in einfachen Sätzen zusammen: „Ich bin Atheistin, Gott sei Dank. Eine unverbesserliche, stolze Atheistin. Und ich hege nicht die geringste Absicht, mich dafür bestrafen zu lassen von den Söhnen Allahs, d. h. von denen, die, anstatt zur Verbesserung der Menschheit beizutragen, ihre Zeit damit verbringen, mit dem Hintern in der Luft fünf Mal am Tag zu beten.“ Sie definiert „die Kultur der Bartträger in Rock und Turban“ als ein Plagiat, welches von Rückständigkeit geprägt ist: „Wie man es auch dreht und wendet, ihre Ahnen haben uns nichts als ein paar schöne Moscheen und eine Religion hinterlassen, die gewiss nicht zur Geistesgeschichte beigetragen hat. Und die in ihren akzeptabelsten Aspekten ein Plagiat der christlichen und der jüdischen Religion und sogar der hellenistischen Philosophie ist“.

Hinter Fallacis Geschimpfe auf „Eindringlinge“ ,die nicht mehr sind als „Terroristen, Diebe, Vergewaltiger, ehemalige Sträflinge, Prostituierte, Bettler, Drogenhändler, Menschen mit übertragbaren Krankheiten“, steckt weder Stolz noch Selbstachtung, sondern allein das Bewusstsein, welche Kraft hinter der islamischen Lebensordnung steckt.

2005 sagte ein hochrangiger belgischer Politiker ein Essen mit einer Gruppe Iraner ab, nachdem deren Mitglieder darum baten, dass während des Essens kein Alkohol serviert werden sollte. Er ließ durch seinen Sprecher erklären: „Man kann die Autoritäten Belgiens nicht zwingen Wasser zu trinken.“

Im selben Jahr schrieb Roberto Calderoli, Koordinator der Lega Nord in Italien: „Der Islam muss für illegal erklärt werden, bis die Islamisten bereit sind, die Teile ihrer pseudo-politischen und religiösen Doktrin aufzugeben, die die Gewalt und die Unterdrückung anderer Kulturen und Religionen glorifizieren.“ Calderoli zeigte sich im Februar 2006 bei einem Interview im italienischen Fernsehen mit einem Aufdruck der Karikaturen des Propheten auf seinem T-Shirt. Es kam daraufhin zu gewalttätigen Protestdemonstrationen in Libyen, bei denen elf Menschen starben.

Der britische Parlamentarier Boris Johnson forderte 2005, dass die Verabschiedung eines Gesetzes gegen Rassen- und Religionshass „bedeuten muss, dass das Lesen – öffentlich wie privat – großer Teile des Koran selbst verboten wird“.

Im August 2007 forderte der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders, den Koran zu verbieten „wie Adolf Hitlers ‚Mein Kampf'“.

Der Österreicher Jörg Haider, der langsam in Vergessenheit zu geraten drohte, katapultierte sich im Herbst 2007 alsbald mit der Forderung eines „Bauverbots für Moscheen und Minarette“ zurück in die Öffentlichkeit. In der Schweiz fordert die Rechtsaußenpartei SVP sogar, ein Minarettverbot in die eidgenössische Bundesverfassung aufzunehmen.

Eine unbedeutende Provinzzeitung versuchte in Schweden auf den Zug der Provokation aufzuspringen, indem sie den Karikaturenstreit wiederzubeleben versuchte. Sie veröffentlichte Zeichnungen, die einen Hund namens Mohammed zeigten. Dem alten Muster folgend, brannten Flaggen im Iran, in Pakistan und Ägypten. Doch die Wogen wurden erneut durch eine halbherzige Entschuldigung von Seiten der schwedischen Regierung geglättet. Diese wiederum zog den Unmut der westlichen Intellektuellen auf sich, da sie nicht an der Meinungsfreiheit festhalte und sich statt dessen vom Islam in die Knie zwingen lasse.

Indes schürt man die Angst vor der Islamisierung Europas weiter, die bis zum Hass getrieben wird. Im September 2007 versuchten verschiedene europäische Organisationen, in Brüssel eine Demonstration anzumelden, die am symbolträchtigen 11.Sptember stattfinden sollte. Es handelte sich um eine Demonstration „gegen die Islamisierung Europas“. Ein Bündnis von deutschen, belgischen, britischen und dänischen Gruppen wollte in der EU-Hauptstadt auf die Straße gehen, um gegen „die größte Bedrohung unserer Lebensweise in Europa“ Stimmung zu machen.

Brüssels Bürgermeister Freddy Thielemanns verbot die unlautere Demonstration, und seitdem trägt der korpulente Sozialist den Namen „Fat Freddy“. Bei den Organisationen, die diese Demonstration ins Leben rufen wollten, handelt es sich um die britische Initiative „No Sharia here“, die dänische Anti-Islam-Gruppe „SIAD“ und um die deutsche Gruppe „Pax Europa e. V.“ des ehemaligen FAZ-Journalisten Udo Ulfkotte.

Selbst die rechtsradikale Bewegung „Vlaams Belang“ machte Werbung für die Demonstration. Ulfkotte, der an dem Projekt einer islamkritischen Rechtspartei für Deutschland arbeitet, distanzierte sich zwar von dieser Gruppe, doch war der Politiker Hugo Coveliers bei seinem Berufungsverfahren gegen das Demonstrationsverbot sein Anwalt in Antwerpen, der mit „Vlaams Belang“ zusammengearbeitet hat. Bart Debie, Expolizist und schillernde Figur der rechten Szene in Belgien und selbst Mitglied bei „Vlaams Belang“, gab an, Ulfkottes Dolmetscher bei der Anhörung in Brüssel gewesen zu sein.

Da die Demonstration in Brüssel verboten wurde, sollte sie in Köln stattfinden, und zwar mit Ralf Giordano als Hauptredner. Aber auch diese Demonstration fand nicht statt, doch allein die Absicht zählt.

Die Absage dieser Demonstration darf niemanden optimistisch stimmen, denn der Grundstein der Stimmungsmache gegen den Islam ist in Europa gelegt. Äußerungen von Politikern, die früher zu Rücktritten geführt hätten, gehören heute zum guten Ton. Es werden weitere Karikaturen folgen. Vielleicht wird sich noch einmal der Papst zu Wort melden. All diese bewussten Provokationen haben die gleiche Wirkung wie Bismarcks Emser Depesche. Der Aggressor wird alsbald zum Opfer. Auch Papst Benedikt XVI. wusste, dass seine Rede von 2006 zu den brennenden Flaggen und Unruhen führen würde, und er hielt sie trotzdem oder gerade deswegen.

Scheinbar hat man in Europa die intellektuelle Auseinandersetzung verlernt. Der geistige Austausch scheint aus der Mode geraten zu sein. (IP)

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