Muslimwelt

Wissen schafft Frieden

Theo van Gogh vom Hassprediger zum Märtyrer

Posted by muslimwelt - Januar 3, 2008

Es gibt Fragen, die Kinder an Erwachsene richten, aber nur schwer zu beantworten sind: Warum ist der Himmel blau? Warum ist die Erde rund? … Im Gegensatz dazu ist folgende Frage leicht zu beantworten: Wie kann aus einem menschenverachtenden, antisemitischen Berufsprovokateur und faschistischen Hassprediger just ein Märtyrer und Held werden? Die Antwort darauf lautet wie folgt: Man muss zur gleichen Zeit den Islam hassen und diesen Hass auf platteste Weise zum Ausdruck bringen! Denn der Westen, der sonst so sensibel auf jegliche antisemitische Tendenz reagiert, ist bereit, selbst über den extremsten Antisemitismus hinwegzusehen, wenn als Ausgleich ein radikaler Islamhass an den Tag gelegt wird.

Die Rede ist natürlich von dem niederländischen Filmregisseur Theo van Gogh, welcher in seinem Leben zwei Phasen durchlebt hat: Sein Image reicht vom 1984 verurteilten Antisemiten bis hin zum 2004 gefeierten “Kämpfer für Freiheit und Demokratie”. Nachdem er zum selbst ernannten “Islamkritiker” avancierte, schienen Äußerungen wie die folgenden in Vergessenheit geraten zu sein. So zitiert ihn der jüdisch-holländische Schriftsteller Leon de Winter folgendermaßen: „[…] meine Frau und ich könnten erst miteinander schlafen, wenn sie Stacheldraht um meinen Penis gewickelt hätte. Und ich würde dann auf dem Höhepunkt ‘Auschwitz! Auschwitz!’ rufen. Der Vater meiner Frau hatte Auschwitz überlebt.“ Die Witze über “zwei kopulierende gelbe Sterne in der Gaskammer“ brachten ihm 1984 eine Klage wegen Antisemitismus ein. “Hey, es riecht nach Karamell, hier wird bestimmt ein jüdischer Diabetiker verbrannt“, äußerte sich Van Gogh über jüdische Schriftsteller oder Filmemacher.

Den antisemitischen Rechtspopulisten Van Gogh mochte niemand, aber den islamophoben liebte man umso mehr. Er diffamierte Muslime als “Ziegenf…“ und bezeichnete sie als “Schuhputzer Allahs“. Die Tatsache, dass er von einem Muslim getötet wurde, vergrößerte den Totenkult um ihn und machte posthum gleich einen viel besseren Menschen aus ihm. Am 3. November 2004, einen Tag nach seiner Ermordung, versammelten sich schätzungsweise fünfzigtausend Menschen auf dem Amsterdamer Rathausplatz zu einer Demonstration. Die niederländische Zeitung “NRC Handelsblad“ betonte, dass die Ermordung “ein Terrorakt gegen die Demokratie“ gewesen sei. Das Bild des krankhaften Antisemiten verblasste hingegen.

Zur Erinnerung: Van Gogh verfilmte 2003 ein Drehbuch der ehemaligen Parlamentsabgeordneten Ayaan Hirsi Ali, ebenfalls “Islamkritikerin“ von Beruf. Der Kurzfilm, der unter dem Titel “Submission“ populär wurde, sollte eine Polemik gegen die Unterdrückung der Frau im Islam sein. Genauso geschmacklos und obszön wie seine Äußerungen fiel auch der Film Van Goghs aus, in welchem einzig und allein tief verschleierte, aber zur gleichen Zeit entblößte Frauen zu sehen sind, deren Körper Misshandlungsspuren aufweisen und mit Koranversen beschrieben sind. Im Hintergrund ist eine Stimme zu hören, die das “Patriarchat“ anprangert. Dem Zuschauer wird suggeriert, dass Ermordung, Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen eine natürliche Folge des Islam seien, d. h., dass jede Muslima, die den Islam lebt und liebt, zwangsläufig ein durch das islamische “Patriachat“ geschundenes Opfer sei.

Obwohl der Film nicht mehr ist als eine pornographisch angehauchte Hasstirade gegen den Islam, geführt von Leuten, die dadurch nur ihr Geltungsbedürfnis befriedigen und im Rampenlicht stehen wollen, wurde “Submission” unter dem Deckmantel „Kunst“ gefeiert. Wäre dieser Film nicht ein pornographisch angehauchter Angriff gegen den Islam, hätte der Westen dem Film keinerlei Beachtung geschenkt, weil er weder von künstlerischem noch von sonstigem Wert ist.

“Wir sollten die Debatte suchen. Feinsinnig, und wenn das nicht geht, dann eben geschmacklos! Geschmacklos, aber mit Stil”, formulierte der Publizist Theodor Holman das Lebensmotto, das er mit seinem rechtspopulistischen Freund Van Gogh teilte. Den Stil, von dem Holman hier spricht, sucht man bei Van Gogh, Hirsi Ali und ihresgleichen jedoch vergeblich.

Rechtspopulismus hat viele Seiten und viele Menschen, die ihn verkörpern – nicht nur in Holland. Es sind immer die Minderheiten, die ins Fadenkreuz der Rechten geraten – Asylbewerber, Sinti und Roma sowie Migranten jeglicher Couleur. Vor allem haben sie die “Islamkritik“ für sich entdeckt. Doch eins sollte klar sein: Diesen Rechten sind Frauenrechte, Toleranz oder Opferschutz völlig gleichgültig. Ihnen kommen Islamhasserinnen wie Hirsi Ali gerade recht, denn sie dienen diesen “weißen Männern” lediglich als Demonstrationsobjekte ihrer perversen islamophoben Theorien. Es bleiben aber typische Rechte, die nicht einen Augenblick zögern würden, die ehemalige Asylbewerberin Hirsi Ali samt ihren Peinigern in ein Flugzeug zu stecken und abzuschieben, wenn sie sie nicht mehr brauchen. Rechtspopulisten greifen immer wieder zurück auf alte Schemata über den “angsteinflößenden Fremden” und bedienen irrationale Überfremdungsängste von den “Brunnenvergiftern“, denen man bei Bedarf mit Fackel und Heugabel den Weg weisen muss.

Kurz nach dem Tod von Theo van Gogh brannten Moscheen, wurden muslimische Friedhöfe geschändet und natürlich Muslime verprügelt. All dies geschah im Namen der Meinungsfreiheit, denn alles war so klar: Ein „intoleranter, fanatischer“ Muslim tötete den „liberalen, freiheitsbewussten“ Filmemacher, und dies entfachte erneut die Diskussion darum, wie viel Freiheit man den muslimischen Einwanderern mit ihren importierten “Bräuchen” einräumen dürfe.

Niemand hinterfragte mehr die Person Van Goghs, da er von den islamophoben Wortführern bereits heilig gesprochen wurde. Der Publizist Benjamin Rosendahl fasst in einem offenen Brief diesen Aspekt folgerichtig zusammen: “Anscheinend ist es okay, Juden zu hassen, wenn man nur Muslime auch hasst […].”

In dem darauffolgenden politischen Diskurs um Van Gogh, um Meinungsfreiheit und um das Verhältnis zum Islam wird die Frage außer Acht gelassen, was eigentlich alles unter den Begriff “Islamkritik” fällt und wo tatsächlich Rassismus beginnt. Weder in der Diskussion um den Film “Submission” im Jahr 2004 noch im Karikaturenstreit 2006 klärte man den Begriff “Islamkritik”. Das Gegenteil ist der Fall, denn genau in dem Jahr, in dem das Wort “Karikaturenstreit” zum Wort des Jahres erklärt wurde, entbrannte erneut die Diskussion um Theo van Gogh, um Meinungsfreiheit und um das Verhältnis zum Islam.

Karikaturen können tatsächlich humorvoll und originell sein, aber sie sprechen oft nur Emotionen an und nicht immer den Verstand. Deshalb sind sie so nützlich, wenn es darum geht, Vorurteile zu schüren. Karikaturen können eine propagandistische Botschaft beinhalten, die gezielt eingesetzt werden kann. Bestes historisches Beispiel sind die antijüdischen Karikaturen im “Stürmer”, die während der Nazizeit veröffentlicht wurden.

Nichtsdestotrotz geht all dies in der ewigen Gegenüberstellung von christlich-europäisch-normal und islamisch-fremd-abweichend unter. Also wird ohne zu hinterfragen nicht nur der Film “Submission“ als “islamkritisch” charakterisiert. Vielmehr werden unter dem Etikett “Islamkritik” dann auch Theo van Goghs hasserfüllte Diffamierungen von Muslimen geführt, die er außerhalb seines filmischen „Schaffens“ zum Ausdruck brachte.

Auch Van Goghs Freundschaft mit dem 2002 ebenfalls in den Niederlanden ermordeten Rechtspopulisten Pim Fortuyn und Fortuyns Person selbst erfuhren eine Aufwertung. Dirk Schümer von der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” versuchte beide, Van Gogh und Fortuyn, in einem Artikel (FAZ, 10.11.2004) vom Rassismusvorwurf freizusprechen So zitierte er Fortuyn, dass dieser nichts gegen Muslime habe, da er mit ihnen sogar ins Bett gehe.

Dass die Degradierung der verhassten Gruppe zu Sexualobjekten Teil des Rassismus ist, wurde von Schümer eigenwillig ignoriert. Vielmehr lobte er die Gesinnung der Rechtspopulisten folgendermaßen: “Damit war dem Rassismus die Spitze genommen, und es ging nur mehr um die lange tolerierte Verletzung demokratischer Regeln – Frauenrechte, Trennung von Staat und Kirche, Gewaltmonopol, Hasspredigten in Gotteshäusern. Diese Dunkelsphäre zu benennen, gar einen Film mit sexistischen und gewaltverherrlichenden Koranpassagen zu drehen, hat nach Fortuyn jetzt auch van Gogh das Leben gekostet.” Auch dass Fortyns Tötung einen völlig anderen Hintergrund aufweist als die Tötung Van Goghs – Fortyn wurde von keinem Muslim getötet -, findet in Schümers Artikel keine Erwähnung.

Van Goghs Hasspredigten werden als Tugend gewertet, und ihm wird sogar attestiert, ein “Garant eines vielstimmigen und bunten Europas” gewesen zu sein. Wenn das die Vorstellung eines „vielstimmigen und bunten“ Europas ist, dann können wir seinen Protagonisten nur unser Beileid aussprechen.(IP)

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