Muslimwelt

Wissen schafft Frieden

Verzicht auf Alkohol

Posted by muslimwelt - Dezember 10, 2007

– Kathleen St. Onge –

6.jpgAls Konvertitin zum Islam quält mich manchmal meine Vergangenheit, und immer wieder fürchte ich um das Wohlwollen Gottes. Diesem wiederum ist es zu verdanken, dass einige Leserinnen und Leser dieser Zeilen wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang noch keinen Schluck Alkohol angerührt haben. Mit dem Verbot, Alkohol zu trinken, verhält es sich wie mit allen anderen islamischen Verboten auch: Sie sind Geschenke Gottes an die Gläubigen, von denen wir ungemein profitieren. Ich persönlich verbinde mit dem Alkohol einige der schlimmsten Erlebnisse und Erfahrungen meines Lebens. Ich habe nie zu der Sorte Leute gehört, die unkontrolliert trinken und dann im Suff Dinge tun, die ihnen normalerweise äußerst peinlich wären. Nein, ich zählte zu der Kategorie der Gewohnheitstrinker, und das war eigentlich noch viel schlimmer…

Meine ersten Erfahrungen mit Alkohol machte ich bereits als Kind, als mir meine Eltern regelmäßig Wein anboten, wenn wir im Familienkreise Abendbrot aßen. Ich sah meinen Eltern dabei zu, wie sie an Werktagen drei bis fünf alkoholische Getränke und am Wochenende noch mehr konsumierten. Eine Flasche Hochprozentiges hielt zwei bis drei Tage, kamen Freunde zu Besuch kürzer. Zwar trinken die meisten Deutschen Alkohol, und das Einstiegsalter für diese legale Droge sinkt immer weiter, doch nur ein geringer Prozentsatz der Konsumenten verhält sich auffällig in der Öffentlichkeit und gilt als Trinker. Dann gibt es da aber noch eine hohe Dunkelziffer von Alkoholikern, die wie ganz ‚normale‘ Menschen funktionieren, einem Job nachgehen und ein mehr oder weniger geregeltes Familienleben führen. Diese Leute geraten in Schwierigkeiten, sobald sie gezwungen sind, nur kurze Zeit ohne Alkohol auszuharren. Ihnen fehlt der Alkohol, wenn sie ihn nicht bekommen, und sie organisieren ihren Alltag gewissermaßen um den Alkohol herum. Sie unterhalten sich über Wein- oder Biersorten, sie planen generalstabsmäßig, sich zu betrinken, und einige von ihnen brennen, brauen oder keltern sogar ihre eigenen Getränke. Sie fühlen sich erst dann gut, wenn sie einen Drink in der Hand halten, werden sonst depressiv oder aggressiv. In alkoholisiertem Zustand meditieren sie gern über die schönsten und schlimmsten Momente in ihrem Leben, ganz so wie andere Menschen es in Gebeten tun.

In Sachen Alkoholkonsum ist meine Familie eine Durchschnittsfamilie. Schaut man in die Statistik, wirken die Zahlen schon auf den ersten Blick alarmierend: Pro Kopf werden in Deutschland jährlich 145,5 Liter alkoholische Getränke hinuntergekippt. 2004 lag der Pro-Kopf-Verbrauch von reinem Alkohol bei 10,1 Liter. Damit rangiert Deutschland auf Platz fünf von insgesamt sechs Staaten in der Welt, in denen im Durchschnitt jeder Mensch über 10 Liter Alkohol pro Jahr konsumiert. 1,7 Millionen Deutsche gelten als alkoholabhängig, manche sprechen gar von 2,5 Millionen. An übermäßigem Alkoholkonsum und der beliebten Kombination von Alkohol und Tabak sterben hierzulande jährlich über 73.000 Menschen. Verantwortlich dafür ist nichts zuletzt die Alkoholindustrie. Sie investiert gezielt sehr viel Geld (2004 ca. 526 Millionen Euro) in die Werbung und wendet sich dabei besonders an junge Leute und Frauen. (Quelle: Deutsches Ärzteblatt). 12% aller Verkehrstoten in Deutschland sterben an den Folgen eines Unfalls, der unter Alkoholeinwirkung eines der Beteiligten verursacht wurde. Buchstäblich jeder meiner Verwandten trinkt Alkohol. Einige von ihnen haben ebenfalls bereits einen Unfall unter Alkoholeinwirkung gebaut oder Familie und Job an den Alkohol verloren.

Bei all diesen Nachteilen und Schattenseiten – was macht den Alkohol so verführerisch? Ob er den Menschen so gut schmeckt, wie immer wieder behauptet wird, wage ich zu bezweifeln. Oft ist er – je nach Verarbeitungsform – zu würzig, zu süß, zu trocken, zu bitter, oder er brennt in der Kehle. Obwohl in Deutschland vor allem Bier getrunken wird, mixen viele ihn mit Softdrinks oder Saft, um seinen echten Geschmack zu übertünchen. Alkohol macht dick; nicht allein durch seine Kalorien, sondern auch dadurch, dass er müde und lethargisch werden lässt. Wer zu viel auf einmal trinkt, riskiert Erbrechen und Unwohlsein, was manchmal tagelang anhalten kann. Wer zu starken selbst gebrannten Alkohol trinkt, kann unter Umständen sogar erblinden. Und wer einmal an der Flasche hängt, kann sich nur schwer wieder von ihr lossagen. Jeder, der trinkt, weiß das. Aber trotzdem wird weiter getrunken.

Meine muslimischen Freunde fragen mich häufig: „Warum trinken die Menschen, wo sie die damit verbundenen Probleme und Gefahren doch kennen?“ In der Tat hat auch mich diese Frage schon sehr früh gequält, und so zog ich meine Konsequenzen, trank (schon vor meiner Konversion) ein paar Jahre lang überhaupt nicht mehr. Meine Familie reagierte darauf, was mich nicht weiter überraschte, mit Unverständnis. Man hielt mir und hält mir auch heute noch vor, keinen Spaß zu verstehen und eine Spielverderberin zu sein. Und in genau diesem aus meiner Sicht seltsamen Verständnis von Spaß liegt vielleicht der Kern des Problems.

Was verstehen Menschen, die regelmäßig trinken, unter Spaß? Wohl zunächst einmal Stressabbau. Trinker unterteilen ihr Leben gewöhnlich in Arbeitstage und freie Tage. An Arbeitstagen muss der Alkoholkonsum eingeschränkt werden. Sonst künden äußere Erkennungszeichen (Fahne, aufgedunsenes Gesicht, Kopfschmerz, mangelnde Konzentration) am nächsten Morgen von den Exzessen des Vorabends. Und auffällig zu werden, will man ja um jeden Preis vermeiden. Am Wochenende hingegen existieren keine Grenzen. Diese Grundhaltung führt zu einem regelrechten ‚Wettlauf zum Wochenende‘. Montag und Dienstag wird über das vergangene Wochenende gesprochen, spätestens ab Mittwoch konzentriert sich das allgemeine Interesse dann auf das nächste Wochenende. So verwandet sich das Leben in eine stetige Abfolge dieses immer gleichen Rhythmus. Zukunft und Hoffnung drücken sich lediglich darin aus, dass man es kaum noch erwarten kann, sich am nächsten Wochenende wieder ordentlich zu amüsieren. Der Alkohol wird zum entscheidenden Bindeglied zwischen den Menschen. Diskussionen darüber, welches das beste Bier, die beste Kneipe und die beste Party ist, füllen das Leben vollständig aus. Schwer erträgliche Jobs werden in Kauf genommen, weil es ja ‚immer wieder Freitag‘ wird. Warum sollte man sich da auch die Mühe machen nachzudenken, wie man sein Leben sonst noch verbringen könnte. Um Alkohol zu konsumieren, ist fast jeder Anlass recht. Viele fähige Menschen, die das Potenzial besäßen, der Gesellschaft Gutes zu tun, lassen sich von der Monotonie dieses stumpfsinnigen sozialen und ökonomischen Kreislaufs einlullen und betäuben.

Als Spaß wird außerdem auch die Haltung bezeichnet, die Dinge nicht so eng zu sehen. Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft man mir geraten hat, ich solle doch einfach mal locker lassen. Fast scheint es mir, als bestehe das vorrangige Ziel der Mehrheit der Menschen darin, das Leben nicht allzu ernst zu nehmen. Dahinter verbirgt sich die Auffassung, das Leben sei in erster Linie zum Vergnügen da. Nicht wenige sind sogar der Überzeugung, Gott habe ihnen dieses Leben geschenkt, damit sie sich auf Erden so gut es geht die Zeit vertreiben. Wer sich ein bisschen tiefer mit dem Thema Sinn des Lebens auseinander setzt, wird schnell zum Außenseiter. Wer jemandem den Rat erteilt, doch lieber nicht so viel zu trinken, findet sich oft im sozialen Abseits wieder. Man mag einwenden, das sei doch nicht weiter tragisch, denn wer braucht schon Freunde, die die ganze Zeit trinken. Tatsache ist aber, dass es in dieser Kultur sehr schwierig ist, Freunde zu finden, die keinen Alkohol trinken. Nur 22% der deutschen Bevölkerung ist völlig abstinent, und da sind Muslime, Kinder und alte Menschen schon mit eingerechnet. Ein normaler Erwachsener, der nicht trinkt, muss sich darauf einstellen, öfter als andere Menschen allein zu bleiben, und braucht schon ein großes Vertrauen in Gott und sich selbst, um das durchzustehen. Viele können diesem Druck nicht lange standhalten und geben entnervt auf.

Spaß zu haben, wird weiterhin oft empfunden als etwas tun zu können, ohne auf die Konsequenzen zu schauen. Tag für Tag entschuldigen sich unzählige Menschen im ganzen Land und in der ganzen Welt bei ihren Lieben dafür, dass sie unter Alkoholeinfluss unverzeihlichen, nicht wieder gut zu machenden Schaden angerichtet haben – dass sie Ehebruch begangen, Gewalt angewandt, unmoralische Geschäfte abgeschlossen oder Unfälle verursacht haben usw. Der Alkohol liefert ihnen eine perfekte Entschuldigung, denn andere Trinker zeigen meistens Verständnis, und so geraten die Vorfälle nicht selten schnell wieder in Vergessenheit. Wer regelmäßig trinkt, ist geneigt, die Folgen seines Handelns zu vernachlässigen oder ganz zu ignorieren. Die volkswirtschaftlichen Schäden durch Alkoholmissbrauch sind beträchtlich. Sie werden allein für Deutschland pro Jahr auf einen zweistelligen Milliardenbetrag (!) geschätzt.

Zu den oben erwähnten unverzeihlichen Fehltritten unter Alkoholeinfluss gesellen sich weitere, nicht ganz so verheerende Fehltritte, die die Beteiligten nichtsdestotrotz kaum je wieder vergessen werden: z.B. die Beleidigung und Kränkung von lieben Menschen, das Ausplaudern von gut gehüteten Geheimnissen, sexuelle Maßlosigkeit oder folgenschwere Konflikte mit dem Arbeitgeber. Dies liegt wohl daran, dass der Alkohol seine Konsumenten schwerfällig und konfus macht. Wer keine Erfahrungen mit diesem Stoff hat, mag die Wahrnehmung unter Alkohol mit dem Zustand morgens direkt nach dem Aufstehen vergleichen, wenn man das Gefühl hat, noch nicht ganz aus dem Schlaf erwacht zu sein und sich in einem Dämmerzustand zu befinden.

Viele durch Alkohol bedingte Probleme treten erst nach und nach auf, bis das Leben schließlich außer Kontrolle gerät. Um ihre spirituelle Leere zu füllen, setzen die Betroffenen häufig trotzdem darauf, weiter zu trinken. Ihr Wille, der ihnen von Gott verliehen wurde, wird immer schwächer, bis er schließlich ganz bricht. Sie bilden sich ein, dass sie sowieso nichts mehr ändern können, und sind ganz dem Hier und Jetzt verhaftet. Daran klammern sie sich mit ihrer verbliebenen Kraft. Ihren Glauben an Gott – so sie diesen jemals hatten – und an eine bessere Zukunft verlieren sie nun endgültig.

Gläubige Menschen besitzen die wichtigste aller Wahrheiten – den Glauben an ein Leben nach dem Tod. Ohne diesen Glauben müssen Zeit, Vergnügen und Belohnung nach völlig anderen Maßstäben bemessen werden. Wenn Zeit für mich nicht mehr als das ist, was mir meine Uhr oder mein Kalender anzeigt, was soll ich mir dann Gedanken über meinen spirituellen Zustand zum Zeitpunkt meines Todes machen? Wenn ich den Begriff Gemeinschaft nur über die Frage definiere, wer mich in diesem Leben akzeptiert, was soll ich mir dann Gedanken darüber machen, ob mein Schöpfer mein Leben gutheißt? Wenn das Hier und Jetzt das Einzige ist, was für mich zählt, warum soll ich mich dann um eine Verbesserung meiner Lage bemühen? Alkoholkonsumenten gewöhnen sich schnell daran, ihre Bedürfnisse jederzeit sofort zu befriedigen. Doch vom Leben in der kommenden Welt, einem ewigen Leben, nach dem sich im tiefsten Innern jeder Mensch sehnt, trennen uns zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens auf dieser Welt unendlich viele mehr oder weniger hohe Hürden, die nur unter Schwierigkeiten zu überwinden sind. Insofern beraubt uns der Alkohol des Glaubens an das ewige Leben und damit auch des wichtigsten Schlüssels zum Verständnis des Sinns des Lebens. Indem Gott den Gläubigen den Alkoholgenuss untersagt, schützt er ihren Glauben.

In so mancher Nacht habe ich mich im Anschluss an eine Party allein auf den Nachhauseweg gemacht, angewidert vom Verhalten der Menschen dort, aber auch voller Mitleid. Dann habe ich oft zu den Sternen aufgeschaut und mich sehr einsam gefühlt. Ich danke Gott dafür, dass Er mir Engel geschickt hat, die mir geholfen haben, diese Situationen zu meistern, und mich bis heute auf sicheren Wegen durch mein schwieriges und an Gefahren reiches Leben geleitet haben. Ich wünschte nur, ich hätte damals schon gewusst, dass es auf der Welt über eine Milliarde Menschen gibt, die dem Alkohol bereitwillig entsagen. Der Islam ruft die Muslime dazu auf, sich durchaus auch öffentlich zu ihrem Verzicht auf Alkohol zu bekennen. Aber jeder Einzelne wird diese Botschaft früher oder später auch von seiner eigenen Seele und dem eigenen Gewissen empfangen und vielleicht einen neuen Weg einschlagen. Wir alle kommen von Gott. Und so Gott will, werden wir eines Tages wieder mit Ihm vereint sein.

Quelle: http://www.fontaene.de/09.html

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