Muslimwelt

Wissen schafft Frieden

Eine Überlegung zum Karikaturenstreit

Posted by muslimwelt - Oktober 26, 2007

Während meiner Grundschulzeit lernte ich ein Kinderlied kennen, dessen tieferen Sinn ich erst Jahre später verstand. Das Lied lautet:“ C-a-f-f-e, trink nicht soviel Kaffee, sei doch kein Muselman, der das vertragen kann.“ Meiner Musiklehrerin muss es damals, 1975, nicht klar gewesen sein, dass sich auch ein Muselman im Klassenzimmer befand. Ich will ihr auch nicht unterstellen, dass sie es böse meinte. Dieses Kinderlied ist halt ins gemeine Liedgut übergangen und da macht man sich keine Gedanken über den historischen Hintergrund. Ob das Lied heute noch gesungen wird, weiß ich nicht, meine Tochter musste es zumindest nicht lernen.

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Dieses Lied reiht sich in die lange Kette jener Werke, die Islamfeindliches und dessen Hauptfigur, nämlich den ehrenwerten Propheten, zum Inhalt hatten. Sei es in der göttlichen Komödie des Dante oder in den Werken Voltaires, immer wird der Prophet persönlich angegriffen. Er war der mittelalterliche Antichrist, ein irregegangener Bischof und Ketzer, dessen Offenbarung als Teufelswerk bezeichnet wurde. Nun mag man hingehen und sagen, dass alles müsse halt im Lichte der damaligen Umstände gesehen werden. Tatsächlich war es ja so, dass sich die islamische und christliche Welt in zwei Lagern gegenüberstanden. Diese Überzeichnungen mussten sein, um die Angriffs bzw. Verteidigungslust der Kombattanten aufrecht zu erhalten. Es gab aber auch, das muss fairer weise gesagt sein, auch freundlichere Beziehungen. So sind uns auch jene abendländischen Reiseberichte bekannt, in denen mit Begeisterung von der Kultur und Zivilisation der muslimischen Welt erzählt wird. Der wissenschaftliche Einfluss der muslimischen Welt zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert ist hinlänglich bekannt. Doch all das, was oben aufgeführt wurde, war einmal. Die Welt hat sich geändert, Völker haben Frieden miteinander geschlossen und die Moderne lehrt uns, das Gewesene als Epochen der Menschheitsgeschichte zu sehen. Wirklich? Warum bedient man sich noch heute jener Ressentiments? Wem nützt die Karikatur und was ist beabsichtigt? Es ist zu hören, dass die Abbildung des Propheten verboten sei und sich die Muslime deswegen aufregten. Nein, es gibt Miniaturzeichnungen von muslimischen Künstlern, die das Leben des Propheten gestalterisch darstellen, ohne jedoch sein Gesicht zu zeigen. Bilder und Darstellungen sind nicht überall in der muslimischen Welt verboten, vielerorts werden herausragende muslimische Persönlichkeiten abgebildet. Die Diskussion auf die Ebene des „Bilderverbots“ im Islam zu drücken, wird dem Ernst der Sache nicht gerecht. Was die Muslime weltweit in Aufruhr versetzt ist der klägliche Umstand, dass der Prophet lächerlich gemacht wird. Ein grinsendes Gesicht mit einem zu einer Bombe mutierten Turban erinnert an Isnogud, jenem Großwesir in den Geschichten von Gosciniy undTabary. Karikatur will bewusst menschliche Eigenschaften, Schwächen und Stärken überdehnt darstellen, um es entweder als Belustigung in Comics abzusetzen oder es dient der Mitteilung in der politischen Karikatur. Ein Karikaturist ist eine Art Journalist, der eben nicht mit Worten, sondern mit Zeichnungen arbeitet. Was die Seriosität angeht, müssen sich beide mit demselben Maß messen lassen. Dieses Maß ist mitunter die Unverletzlichkeit der Persönlichkeit eines Menschen. Denn es geht dem seriösen Journalisten um die Sache, nicht um die Person. Eine weitere rote Linie, auf die geachtet wird, ist das Andenken Verstorbener sowie im Besonderen der Religionsstifter. Man kann religiöses Empfinden nicht versachlichen, da es sich auf einer ganz anderen Ebene abspielt. Man kann einen Hindu nicht überzeugen, dass es sich bei Rindern nur um Säugetiere handelt, von deren Fleisch und Milch die Menschen sich ernähren sollen. Denn ein Hindu sieht das Tier mit anderen Augen. Man kann einem schiitischen oder sunnitischen Muslim nicht sagen, er solle sich nicht aufregen, wenn sein Gotteshaus zerstört wird, da es sich ja nur um ein Gebäude handelt, das aus Stein wieder aufgebaut werden kann. Man beachte z.B., die Zerstörung der Grabeskirche in Jerusalem sei der Anlass für den ersten Kreuzzug gewesen.

In fast allen Ländern ist die Verunglimpfung religiöser Gefühle unter Strafe gestellt. Der religiöse Friede ist eines der wichtigsten Errungenschaften der Zivilisation. Bei einem Gespräch mit dem Zugorganisator des Kölner Karnevals teilte dieser mir mit, dass es für die Wagenbauer zwei Tabus gäbe: religiöse Gefühle und die Würde des Menschen.

In der muslimischen Welt gab und gibt es religiöse Minderheiten. Es gab auch Zeiten, in denen diese Minderheiten gesellschaftlich schlechter gestellt wurden. Doch nie wurde ihre Religion der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Muslime hatten die Ermahnung des Korans verinnerlicht, dass sie die Gottheiten der anderen Völker nicht verhöh­nen sollen, damit diese Gott nicht verhöhnen. Ist es nicht verwunderlich, welche religiös-pathetische Form die Verteidigung der Pressefreiheit annimmt?

Die Presse- und Meinungsfreiheit ist uns hoch und heilig! In einem Lehrbuch für Verfassungsrecht wird auf die sakrale Überhöhung der Verfassungen von Staaten hingewiesen. Der Eid auf die Verfassung ist ein Relikt des Eides auf göttliche Schriften. Texte ändern sich, der Mensch im Hinblick auf sein Verhalten scheinbar nicht. Natürlich stellen die Karikaturen den Propheten nicht dar, nicht nur darum, weil sie nicht den Beschreibungen in den Prophetenbiographien entsprechen. Die Zeichnungen stellen den „hässlichen“ Muslim dar, der im Grunde nichts im Kopf hat als Gewalt und Terror. Wie damals der „hässliche“ Jude, der in den Karikaturen des Stürmers als Parasit der Gesellschaft dargestellt wurde. Karikatur eben.

Quelle: NUN Zeitschrift Ausgabe3, März/April 2006

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